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Wir sind wieder unterwegs und zwar auf dem Weg um das Cabo Sao Vicente. Dahin ist es noch ein langer Weg. Nicht unbedingt weit, aber wir segeln gegen den Wind, kreuzen also. Wir wollen noch gar nicht ausrechnen, wenn wir ums Kap rum sind, es macht einfach keinen Sinn. Gleich dahinter liegt eine Bucht, die schon immer zum geschuetzten Ankern benutzt wurde. Wir koennen uns dann also vorstellen, wer vor uns schon alles da gelegen hat. Viele Entdecker mit klangvollen Namen. Und bald hoffentlich auch wir. Im Gepaeck haben wir das langer erwartet Ersatzteil fuer den Watermaker dabei. Eingbaut ist es noch nicht. Das haette eigentlich heute erfolgen sollen. Da aber heute der einzige Tag mit Wind ist, wollten wir weitersegeln. Selbst wenn der Wind aus der vollkommen falschen Richtung kommt, immer noch besser als gar kein Wind, und das scheint so die Situation fuer die naechste Tage zu sein. Darum weiter an die Algarve. Vor uns segelt die Narid mit einem dem frisch verheirateten Paar Anneke und Dirk. Mit ihnen haben wir die beiden letzten Abende verbracht, zuerst bei ihnen an Bord, nachdem sie uns auf ein Bier zu sich eingeladen hatten, als wir an :ihnen vorbei ruderten. Und gestern bei uns zum Nachtessen. Die Narid hatten wir erstmals in Falmouth gesehen, danach immer wieder. Die beiden sind mehr oder weniger Segelnovizen wie wir und durchleben praktisch die gleichen Lernschritte wie wir. Und wir haben vorerst die gleiche Route vor uns, werden uns also aller Wahrscheinlichkeit nach noch oefters wiedersehen. Nur sind die beiden mit einem dickeren Zeitpolster als wir ausgeruestet: 5 Jahre. In Sines haben wir auch den anderen Dirk wiedergesehen, den von der Samira. Er ist bald 70, ein alter Seebaer und gerade auf dem Rueckweg von einem 5-jaehrigen Toern. Ich habe ihn evtentuell schon mal erwaehnt. Wir hatten ihn in Lissabon zum erstem mal gesehen. Er hat uns einige wertvolle Tipps gegeben, von solchen Leuten lernt man wirklich immer unheimlich viel. Von hier aus gute Besserung an Dirk, der einer Entzuendung im Ellbogen wegen Fieber hatte, das er anfangs nicht zu deuten wusste. Ja und dann sind wir ja noch die Dinghi-Geschichte mit Cristina schuldig. Also, das ging so: Cristina kam in Cascais an Bord. Wir lagen dort vor Anker, mit schoenem Blick auf das ebenso schoene Staedtchen. Als wir ankamen wehte ja ein recht starker Wind und die erst Nacht ueber hielt der starke Wind an. Als dann Cristina an Bord kam, war es immer noch recht windig, aber ganz so stark wehte es nicht mehr. An einem Nachmittag machten wir uns mit dem Beiboot auf den Weg ins Staedtchen, unter anderem auch um Einkaeufe zu taetigen. Der Skipper brachte die beiden Damen bei ordentlichem Wind und Welle ans Ufer, wo das Beiboot vertaeut wurde. Man ahnt es: der Wind hatte waehrend unseres Landaufenthaltes zugelegt. Der Skipper versicherte der Crew, dass er sich jetzt halt beim Rudern etwas mehr ins Zeug legen muesse, er aber wohl alle wieder an Bord bringen koenne. Natuerlich lag die September fast am weitesten draussen und es ging gegen Wind und Welle. Es muss hier erwaehnt werden, dass Cristina kein Urvertrauen hat in alles was schwimmt oder im Entferntesten mit Gefahren zu tun haben koennte, eher das Gegenteil ist der Fall. Entsprechend versteinerte sich ihre Mine zusehends, obwohl es dem Skipper – nicht ohne flotte Sprueche zu klopfen zwecks Aufheiterung – gelang, das Boot Meter um Meter voranzubringen und er nicht daran zweifelte, dass die Crew bald gemuetlich im Cockpit der September sitzen wuerde. Das mit der Aufheiterung misslang irgendwie. Hinter dem Ruderer in Fahrtrichtung dessen Gattin, die von jeder Welle durchgespuelt wurde, vis-a-vis Cristina, deren Gesichtsausdruck sogar noch finsterer werden konnte und zwischen unseren Fuessen der Grosseinkauf, der sich langsam aufloeste, insbesondere die Kartonkiste mit den 24 Minibierflaschen. Wind und Welle legten noch etwas zu. Irgendwann, vielleicht auf halbem Weg, als wir gerade recht nahe an einem anderen vor Anker liegenden Schiff vorbeifahren sollten, blieb eben dieses Schiff einfach immer an der gleichen Position neben uns. Wir kamen nicht mehr voran. Elgard schoepfte schon lange Wasser, denn jede Welle brachte auch noch ein paar Liter Wasser mit sich, die im Boot blieben und die Aufgabe auch nicht gerade leichter machten. Ploetzlich kam etwas Regung in Crisitnas Gesichtsausdruck, sie blickte knapp an mir vorbei auf etwas vor uns, in meinem Ruecken. Da mache einer sein Beiboot klar, der komme uns vielleicht helfen. Ich ruderte immer weiter – auf der Stelle – und mochte natuerlich nicht gerettet werden, weil es einfach nicht noetig war. Als aber Cristina bestaetigte, dass da einer mit einem Aussbenborder betriebenen Beiboot auf uns zukomme, wich der letzte Biss aus meinen Armen und irgendwie beschlich mich das Gefuehl, dass es vielleicht doch angenehmer waere, wenn ich nicht auf alle Ewigkeit so weiterrudern muesste. Da war es natuerlich schlagartig vorbei, ich wartete nur noch den Helfer ab und hielt nicht einmal mehr die Position. Phil, ein aelterer australischer Segler kurvte um unser Boot und versuchte, eine Leine zu uebergeben oder zu uebernehmen. Nicht ganz einfach. Schliesslich gelang es. Er zog uns dann, die Leine in der Hand und an der Leine ein schweres Beiboot, 3 Personen, Einkaeufe und das ganze gegenan. Irgendwann gab er uns zu verstehen, dass seine Hand das nicht schaffe und er uns nur zu seinem Schiff, einem geraeumigen Katamaran, bringen koenne. Nun gut, dort wartete Kristine, seine Frau. Sie uebernahm dann von Phil und brachte zuerst die Damen und dann den Skipper hinueber zur September. Wir luden sie auf ein Glas Dankeschoen-Wein ein, allerdings nicht am selben Abend, da wollte jeder nur noch auf seinem Schiff sein, auch Kristine und Phil. Kurz darauf sassen wir tatsaechlich im Cockpit und hatten noch einen gemuetlichen Abend. Am naechsten Tag war etwas weniger Wind angesagt und so gelang es, Cristina davon zu ueberzeugen, es nochmals ohne Aussenborder zu versuchen. Aber der Ausflug endete aehnlich wie der erste: nach dem ersten gemeinsamen Rueckkehrversuch deponierte der Skipper die Damen an Land und vereinbarte mit ihnen, dass sie erstmal schoen essen gehen sollten, waehrend er alleine, mit weniger Gewicht, zum Boot rudern wuerde. Danach wuerde er dann mit dem Beiboot inklusive Aussenborder die gesaettigten Damen abholen kommen. Gesagt, nicht getan. Nach ein paar Metern stellte der zuversichtliche Skipper fest, dass es sich doch einiges leichter ruderte alleine, allerdings die Wellen mit dem leichteren Schiff leichteres Spiel hatten. Nach wenigen Metern kehrte er um und schloss sich der Dinnergruppe an. Als wir in der Marina, von wo aus wir gestartet waren, noch Bescheid gaben, dass wir das Boot fuer einige Zeit dalassen wuereden und ob es nachher allenfalls einen Taxiservice gaebe, erfuhren wir, dass uns der Hafenmeister mit seinem Boot rueberschleppen koenne, wir sollen ihn dann einfach rufen. So entschlossen wir uns, uns doch gleich zurueckschleppen zu lassen und waren also wieder recht bald in unserem gemuetlichen Cockpit. Mittlerweile hatten wir gelernt, dass in Cascais jeden Abend starke Fallwinde ab Nachmittag bis ungefaehr Mitternacht wehen und hatten Cristina versprochen, kuenftig nur noch mit Aussenborder das Dinghi zu benutzen. Wer nun glaubt, damit sei dann Ruhe eingekehrt, taeuscht sich leider. Denn zwar verlief die Fahrt an Land am darauffolgenden Tag wiederum problemlos. Als wir dann aber nach einem netten Nachtessen recht froehlich ins Boot stiegen und der Skipper den Motor starten wollte, stellte er fest, dass der Hebel des Joke, der zum Starten zwecks erhoehter Benzinzufuhr gezogen werden muss, fehlte. Da er das Problem kannte, schaute er um sich, fand das Teil im Boot liegen und wollte es schnell wieder einsetzen, wie er es schon einmal getan hatte. Es mag am grosszuegig aufgetischten Rotwein oder sonst was gelegen haben, aber irgendwie schaffte er es nicht, die Motorabdeckung im Halbdunkel zu oeffnen. Da der Wind diesmal tatsaechlich deutlich schwaecher wehte, warf er den Hebel einfach ins Boot zurueck und Griff zu den Rudern. Die Froehlichkeit unter den Mitfahrerinnen fand damit ein sehr jaehes Ende. Der Skipper indes ruderte die Crew problemlos zur September, aber ein fehlerloser Ritt war dieser Ausflug halt immer noch nicht. Es wurde aber besser. Der letzte Dinghi-Ausflug von Cristian gelang fast perfekt. Was haette in die Hose gehen koennen, ging knapp nicht in dieselbe. Ohne Motor machten wir vor der Halbinsel Troia einen Badeausflug. Der Skipper zog das Dinghi hoch an den Strand, da gerade Ebbe herrschte. Dennoch schwamm es bei der Rueckkehr der Ausfluegler schon munter im Wasser, war aber netterweise noch nicht davongeschwommen. Sonst waere dieser Bericht nun sicher noch um eine Suchaktion und viele, viele Zeilen reicher und laenger. Und wer soviel Ausdauer zeigt, dass er oder sie bis hierher gelesen hat, soll auch noch mit der Antwort auf die offensichtlichste Frage, naemlich wieso wir denn nicht einfach immer den Aussenborder mitnehmen, belohnt werden: es ist einfach mehr Arbeit. So, es ist jetzt 22.00 Uhr. Unsere Freunde von der Narid haben sich zwischendurch auch mal gemeldet und uns wissen lassen, dass sie unter Motor direkt auf das Kap zulaufen, um dahinter zu ankern und ein paar Stunden Schlaf einzuziehen. Sie waren schon um 08.00 losgefahren, wir erst nach elf. Daher richten wir uns auf eine hoffentlich motorfreie Segelnacht ein. In der Hoffnung, bei Tageslicht das Cabo mit seinen imposanten Steilklippen zu sehen.

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