Wie es W I R K L I C H war

Wir haben nun schon wieder Internet und so posten wir gerade rechtzeitig fuer die Sonntagsleserinnen und -leser den Reisebericht von Oli. Zur Erinnerung: er hatte uns vom 26.4. bis 15.5. besucht und dabei und auch vorher so einiges erlebt. Vielen Dank, Oli, fuer den Bericht! Und nun viel Spass!

Jahrelanges Hinhalten, Hüst und Hott. Dann ist die Zeit reif. Kurz vor der Abreise noch Werweissen, ob das Unterfangen platzt. Ein Mangel an Hektik war nicht zu vermelden. Nichts Hausgemachtes notabene. Von meinen beiden Hosts in spe induziert, wenn nicht gar im Himmel gestrickt. Elgard und Klaus, die ich über Jahre mit meinem Besuch mannigfaltiger Umstände wegen vertrösten musste und ich deshalb nicht mehr gewiss war, ob sie einluden, weil die Chance meiner Zusage so gering schien wie eine erfolgreiche Mondlandung der nordkoreanischen Raumfahrt ist, erlebte ich bisher eher auf der pragmatischen Seite. Vorausschauend unter Einbezug imaginabler Unwägbarkeiten. Denkste! Vergessen, was einem der schöne Schein auf das Auge drückt. Wenngleich sie bei geeigneter Gelegenheit unaufdringlich die Professionalität ihrer Reisepraxis herausstreichen und der logisch aufgestellte Zeitgenosse eingedenk ihrer evidenten Seniorität auf See und an Land diese Einschätzung teilt, kommt er aufgrund realer Ereignisse ins Grübeln. Bergen die Mythen um das nahe Bermuda-Dreieck allenfalls einen wahren Kern? Aber der Reihe nach: Zuvor erinnert sich der unaufgeregte Mittfünfziger taufrisch an seine letzten Reisen, die mit dem Jahr 1993 zusammenfallen. Bill Clinton wurde vereidigt, die BRD führte fünfstellige Postleitzahlen ein. Was soll’s, die Erde war längst fünfeckig. Sich in der Folge aufgeräumt im nahen Reisebüro aufbäumen und von der pausbackigen Belegschaft – die Marge ist dünn – ein kompliziertes Arrangement mit Flughafenwechseln und zeitlich engem Transferkorsett aufhalsen lassen, va banque ohne Umbuchungsschnickschnack. ZRH-LDN-GRE. Null Problemo, weltmännisch abnicken. Im Büro wieder abgesessen – Klaus am Apparat: Die Renovation des Schiffs verzögere sich, es sei angebracht, anstelle GRE-nada nun TRINI-dad-isses ins Auge zu fassen. Ergo im Kindergarten anrufen zwecks Anschlussflug buchen, mit over-night-stay in Point Salinas (GRE). Zum Ausgleich zeitgeistkonform online Emissions-Zertifikate erwerben und sich diese mit einem wunderschön polierten Lastwagen der Marke Saurer (heimische Produktion – Arbon SG) direkt vor der Haustür abladen lassen. Global denken – lokal handeln. Gesagt, getan und wieder Klaus am Telefon: Eventuell komme man doch hin und treffe sich in GRE… Der wohlwollende Betroffene hat nun zwei Alternativen: Die Augen verdrehen, bis er die Zellen des Sehnervs en détail erkennt oder sich mit einem grenznahen Kanton in die Luft sprengen. Zielfilmsieg des unterbewussten Überlebenskonzepts sei Dank kann sich der Protagonist kommender Herausforderungen stellen, die sich im Vorfeld in Form von Eventualbesorgungen für Elgard und Klaus auftürmen, getarnt als Optionen mit klitzekleiner Ausübungswahrscheinlichkeit, sodass trotzdem die eigentlichen Präparationen für die Reise in Angriff genommen werden. Die Illusion implodiert, die Bedürfnisse entpuppen sich über Nacht als dringendst lebensnotwendig und stehen wie Staumauern in der proppenvollen Agenda. Sich ins Reduit zurückziehen und Kräfte für das Drängendste sammeln. Hurtig zum Strassenverkehrsamt am Ende der Stadt (neuer Führerschein für Klaus holen), Devisen nachschiessen (das Geld wird nicht verplempert, es rinnt ihnen durch die Finger – ein rein physikalisches Problem), ad-hoc eine Kreditkarte für Elgard am Bahnhof Wallisellen von einer dritten Gewährsfrau abholen und ein Abstimmgerät für das Senden und Empfangen von Kurzwellen, speziell für den maritimen Einsatz (spritzwassergeschützt), erwarten. Transporte dergestaltiger Ausrüstung sind das Metier von Maersk Sealand, in der Not tun‘s Freunde. Noch ist keine Socke gepackt und übermorgen geht’s los. Zu allem Überdruss ist das Flugticket noch nicht eingetroffen. In der vergeblichen Erwartung dreier Exemplare aus dem Nadeldrucker mit Durchschlagspapier, Führungslochrand und in lesbarer Schrift (Courier) das megagigajuvenile Vokabular in den Frontallappen der Grosshirnrinde laden und den Telefonhörer greifen. Seit Menschengedenken habe man nie kein Ticket ausgedruckt. Bestenfalls könne ein Zifferncode per SMS übermittelt werden, piepst ein Stimmchen über die pergamentartige Digitalverbindung. Vor dem geistigen Auge sieht man das unreflektierte Reisebüropack während der Arbeitszeit schielend die Zunge heraushängen und pantomimisch Scheibenwischer luftwedeln. Es schwant dem analog hervorragend aufgestellten Monster aus einer Zeit, in der Schreibmaschinenmechaniker mit Fachausweis aus angesagten Vergnügungsstätten nie alleine nach Hause gingen, sondern stets in die Materie versunken mit Berufskollegen fachsimpelnd – es könnte kompliziert werden. Dann trifft der sogenannte Antennen-Tuner ein. Bis ich im Geschäft die Vorkehrungen für meine Abwesenheit verschlimmbessert und eine prickelnde Eingebung habe, wie das suspekt-intransparente Teil in Zeiten latenter Terroranschläge interkontinental zu verschieben sei, spiele ich mit dem Gedanken, es als anonyme Spende vor das Hauptportal des Verkehrsmuseums Luzern zu legen. Die Zeit schreitet gnadenlos voran und kümmert sich einen Deut, was darin eingewickelt werden soll. Am Abflugtag um 4:30 Uhr erfolgt der ultimative Check; 5:26 Uhr geht das Tram. 5:05 Uhr, Klaus am Telefon. Nein, Trinidad sei Okay, ob man wach sei. Ja, alles parat, auch der Antennen-Tuner mit Verlängerungskabel in der Dimension einer Ankerkette für Flugzeugträger der Klasse Admiral Kuznetsov und Zubehör. Free Food für die Security. In der Tat. An jedem Kontrollpunkt schütteln Uniformierte den Schädel, winken den sich im Transit Befindlichen aus der Kolonne. Die wohl überlegt und annähernd vakuumartig verpackten Utensilien müssen gnadenlos aus ihrer Ordnung gerissen und nach der Argus-Inspektion schnell wieder möglichst kompakt verdichtet werden, da sonst Verschlüsse und Nähte aufrissen. In LDN-Gatwick Direktivenhubereien wie auf einem Kasernenhof. Ich erwähne, dass mein baldiger Anschlussflug keine infantilen Sandkastenspiele erlaube. Einfach brillant, denn die Insulaner im öffentlichen Dienst furchen urplötzlich ihre nervösen Stirnen auf denen sich feuchter Glanz zu veritablen Perlen vereint und stellen mit mandelförmigen Sehorganen schlaue Fangfragen. Entgegen dem inneren Strickmuster greife ich nicht wie gewohnt mit der Führhand zum Samuraischwert, lasse es besonnen mit der Verbreitung eidgenössischen Starrsinns bewenden. Immer mit einem Bein im Zuchthaus. Yoga für Fortgeschrittene ist dagegen eine Hüpfburg. Mit Tunnelblick erreiche ich ohne Schusswechsel Grenada. Am dortigen Zoll hat der ausgebuffte Ökonom die Wahl: Das ominöse Ungetüm in Gewahrsam geben und tags darauf wieder auslösen oder versteuern. Dann mit dem Taxi in das vorerwähnte Hotel. Es ist geschlossen. Eine in der Nähe wohnende Angestellte macht mir ein umweltfreundliches Zimmer ohne Klimaanlage zugänglich. Die leise Ahnung, anderntags besser früh am Airport zu erscheinen. Abflug 14 Uhr. Ich bin um 9 Uhr dort. Tatsächlich; nach Abfertigung diverser Flüge werde man sich der Angelegenheit bemüssigen. Bis zu den Darmprotesten einen alkoholfreien Fruchtsaft nach dem anderen in sich hineingiessen, danach mit Keksen die Lage befrieden. Um 13:57 Uhr befinde ich mich noch in den Fängen der Ausfuhrbehörde, deren Exponenten mich in einer lokalen Stammessprache – ich glaube Englisch – zu knacken versuchen. Entweder verstehe ich nichts, ansonsten lüge ich durch alle Böden. 13:59 Uhr begleitet mich eine adrette Dame in offiziellen Diensten direkt über das windige Rollfeld zum Propellerflieger (inklusive Antennen-Tuner). Hat sich alleine wegen der aufgekommenen Belmondo-Stimmung aus den 70ern gelohnt. Nach der Ankunft in Trinidad und dem Examen der Immigrationsbürokraten nehmen mich Elgard und Klaus herzlich in Empfang. Es waren durchwegs angenehme Flüge (BA und Liat), lediglich das Rahmenprogramm geriet anstrengend.

Unter spontan aufbrandendem Szenenapplaus und Hochrufen einheimischer Rennfahrer chauffiert Klaus im Linksverkehr zu einem formidabel sortierten Supermarkt. Bekanntlich hat er Benzin im Blut. Dann erneut eine tadellose Fahrt bis Chaguaramas bzw. in die Nähe des Areals, wo die schönste SY September zwecks endloser Renovation über einer flächendeckend konsequent von den Abfällen hochkarätiger Handwerksarbeit sämtlicher Gattungen genährten Mülldeponie liegt, eingerüstet nach nigelnagelneuesten Vorschriften der SUVA (Caribbean Division). Eine Herausforderung für den durchschnittlich gleichgewichtsgestörten Grobmotoriker mit Zivilisationsschäden und Schwindelanfällen ab einer verbürgten Höhe von 2800 Millimetern über Grund. Irgendwie geht aber alles. Auf Deck gepflegtes Durcheinander, darunter jeder Quadratzentimeter mit Sinnstiftung erfüllt. Der natürliche und schmerzhafte Feind jeglicher Trampeltiere. Nach dem Verteilen der Mitbringsel und dem Einpuffen erste Impressionen. Unverzüglich muss von der ursprünglichen Idee Abstand gewonnen werden, man könne im Feldherrensessel seelenruhig einen Philosophen deklinieren, genüsslich Revue passieren lassen, um gegen Sonnenuntergang die Konklusionen als universelles Welterbe knackig-prägnant schriftlich festzuhalten, begleitet vom leisen Gitarrenspiel einer betörenden Sirene avec un accent français. Dafür vermengt sich der vom Mond aus erkennbare Lulatsch unauffällig mit der Gilde qualifizierter Handwerker im Versuch, sich nicht sofort als komplett untauglich zu entlarven. Es ist ein Krampf, dieses Werken auf engem Raum, in dem Energie präzise und vehement entfaltet werden muss, die besonders fies auf arthritische Gelenke zurückwirkt, welche bekanntlich über ein exzellentes Schmerzgedächtnis verfügen. Und ständig stösst sich der skoliotische Plattfuss die Birne, den Torso, die Knie oder Flossen an einem unverzichtbaren Schlüsselelement des gehobenen Schiffbaus. Quiz: Befördert dies Personen mit einem Nervenkostüm aus Dynamit und einer schockierend kurzen Zündschnur rascher in den Himmel? Antworten zuhanden der Fachkonferenz bitte direkt an franziskus. Gott anrufen und Stöhnen haben Elgard und Klaus mit leisem Unverständnis stoisch hingenommen. Danke für diesen Gleichmut. Zum Glück haben sie keinen Aufwand gescheut, mehrheitlich Fachleute anzuheuern, die einen vernünftigen bis ausgezeichneten Job machen. Die Arbeitsintensität entspricht zwar etwa jenem eines kurz vor der Pension stehenden Beamten mit Lohnzession – es wäre allerdings bösartig zu unterstellen, eine Langzeitbelichtung fiele gestochen scharf aus. Die allgemeinen Belastungen des Alltags (finanzielles Durchhangeln, lange Wege für jede Besorgung, komplizierte Familiengeschichten), genetisches Erbe, religiöse Einflüsse und tausend Dinge, die der Dahergekommene ohne blassen Schimmer besser zu wissen glaubt, tun das Ihrige und gehören in die Waagschale. Gewöhnlich werden die Aufgaben erfüllt, und zwar in guter Qualität. Apropos. Besucht man einen der schier allgegenwärtigen Fachmärkte für den Schiffsbedarf fällt selbst Schweizer*innen und im Paradies lebenden Ausländer*innen (OK – Genderikone, trotz Fallfehler – und tappt nicht in jede Fussangel der politisch korrekten Kommunikation) auf, dass die Auswahl riesig und die Ordnung fast grandios ist. Unendlich viele verschiedene Schrauben, Fittings etc. Die Bedienung versteht das Geschäft, alles am richtigen Ort, akkurat angeschrieben und die Läden – ausnahmslos quietschsauber! In den grossen Märkten gibt es alles, in den kleinen erstaunlich viel. Kompliment. Da kann sich das Gros der Fachhändler in der Schweiz eine Scheibe abschneiden! Auffallend auch die gesunde und vorteilhafte Erscheinung der Einheimischen; alle 15-20 Jahre älter als sie behaupten und mit Gullivers Gliedmassen ausgestattet. Ausgesprochen freundlich, zuverlässig, gelegentlich teilnahmslos, nie aber barsch oder stressend. Vom Ungefähren wieder ins Konkrete: Nun war ich ein paar Tage auf dem Trockendock – beileibe nicht auf dem Trockenen; Eingeweihte wissen Bescheid. Wie Katzenhaar blieb der Eindruck haften, das Ganze könnte zu einer ewigen Beschäftigungstherapie verkommen. Mit dem Essen steigt bekanntlich der Appetit. Bei derartiger Komplexität wird das Abwerben eines erfahrenen Netzplaningenieurs aus der Luftfahrtindustrie oder der Kriegswirtschaft empfohlen. An dessen statt kommt eine unnachgiebige Sorgfalt zum Tragen, welche die Blut-Hirnschranke zur greifbaren Verzweiflung erahnen lässt. Dem geübten Betrachter wird jedenfalls innert weniger Millionen Nanosekunden klar wie Klossbrühe, dass die „Seppi“ – wie sie liebevoll vom Skipper und der insgeheimen Kapitänin genannt wird – nichts verzeiht. Alles will verdient sein. Ursache und Wirkung ohne Ende. Das ideale Erziehungsvehikel für die wohlstandsverwöhnte Jugend und andere schwer erziehbare, sowie die Entourage linksgewickelter Betreuungsdienstleister, die für gutes Steuergeld neben trivialen Sticheleien Naturgewalt erdulden müssten. Dies am Rande. Natürlich; Seegang, Manöver und Unbilden tragen bei, dass Teile vorübergehend oder dauerhaft verlustig gehen. Nicht harmlos. Jedes hat, auch wenn es in einer Plastikfolie vor sich hin mottet, richtig gehandhabt das Potential Leben zu retten. Der Anschein, es herrsche Ordnung, wird mit dem Führen der to-do-Liste genährt. Sie wird der strammen Soldateska frequent verkündet, laufend bearbeitet und neuerlich präsentiert. Das Instrument ist als Endlosversion unter www.gaukeleien.de im Menüpunkt Führungsmodelle schemenhaft abgebildet und käuflich erwerbbar. Das Suchen nach Teilen und Kleinstteilchen schluckt zusätzliche Ressourcen, wie das Sinnieren darüber, welche Schraube nicht schon anderswo gesehen worden sei. Kaum ein Gegenstand, der nicht jeden Quadratzentimeter auf der Seppi belegt hat. Das sind Domänen, in die sich Elgard nicht verirrt. Schlägt’s 13 und taucht unvermutet ein vermisstes Kleinod auf, feiert dies Klaus wie Olympiagold. Ergebnisoffen ist, ob der Zeitgewinn infolge einigermassen strukturierter Ordnung höher einzustufen ist als die immaterielle Qualität euphorisierender Zufallsfunde. Klaus ist ein blendender Verkäufer auch diffuser Inhalte. Elgard quittiert bei Bedarf mit entsprechender Tonalität aus der kantigen Ecke ihres Eltern-Ichs. Aber Wunder geschehen! Eine läppische Woche nach meiner Ankunft unvermutet die Konfrontation der strahlenden Seppi mit dem westindischen Ozean – begleitet von einer Pannenkaskade. Die Einzelheiten sind nebensächlich. Was bleibt: Der Langmut, mit dem Klaus die Pechsträhne hinnimmt, an Lösungen denkt, dabei ein Ohr offen für Unzulänglichkeiten Dritter. Kann nicht jeder, will nicht jeder. Paradigmenwechsel: Während den Renovationen an Land bin ich auf Niveau begriffsstutziger Hilfsarbeiter dem werthaltigen Geschehen aus dem Weg gegangen oder habe es sachte flankiert. Jetzt, wo Fachwissen auf See zählt, gebe ich mit gebotener Ergebenheit das sechste Rad am Wagen. Sortieren, Zurren, Halten, Drücken, Leimen, Schrauben, Knoten, Aufräumen, Kaffeekochen, Abtrocknen. Geht alles mit überschaubar schmerzhaften Kollateralschäden. Dazu als behelfsmässiger Steuermann die bisweilen herrisch schlackernde Genua besänftigen, Schnittmengen divergenter Direktiven ausbaldowern und umsichtig umsetzen. Funktioniert mit feinen Tentakeln und Fingerspitzengefühl. Die SY September pflügt sich bravourös wie eine Eins solide durch die Karibik, krängt mächtig, schlägt da und dort auf, stets mit der Würde einer souveränen Seekuh – meine Lieben, mir muss gar niemand. Klaus bemängelt zwar mitunter Unzulänglichkeiten (Kinkerlitzchen), aber auf die Seppi ist einfach Verlass. Rutsche ich nicht wie ein Bewegungsidiot slapstickartig auf ihr rum, hänge einarmig waagrecht an einer Wante oder werde direkt ins offene Meer gespült, fühle ich mich pudelwohl. Das liegt auch an den Weltenbummlern. Sie sorgen für sichere Fahrt und müssen ordentlich zulangen. Elgard bedient die Seilwinden filigran aber mit der Kraft bulgarischer Gewichtheberinnen. Es ist Arbeit. Sie beginnt ein bis zwei Stunden bevor Wind die Segel bläht und endet beileibe nicht mit dem Anlegen. Gutes Stichwort: Ein Diskurs, der ständig aufflackert und vorderhand kein harmonisches Ende nehmen möchte. Während die erdverbundene Elgard gerne mal ankommt, unprätentiös, auch mit Motorensupport, will Zick-Zack-Klaus unbedingt von Boje zu Boje kreuzen. Knurrt der Magen bahnt sich der logische Kompromiss einen Weg und man findet sich am Esstisch. Elgard ist eine effiziente und fabelhafte Köchin, die aus dem ausgeklügelt optimierten Ressort der Kombüse auf diskrete, ruhige Art wie selbstverständlich die passende und schmackhafte Verpflegung im richtigen Moment und Mass auftischt. Währenddessen Klaus fachthematisch abtaucht oder – die letzte Kommission gerade provisorisch befestigt – in Sachen liquiditätswirksame Anschaffungsprojekte weibelt. Es gibt Gründe warum ein Schiff von 14 Metern Länge 22 Tonnen verdrängt. Wer glaubt, der Löwenanteil davon erkläre sich mit Weinflaschen oder Leergut ausgesuchter Rebensäfte, der irrt. Auch Spirituosen und banales Bier fallen ins Gewicht. Spass beiseite. In der Tat besteht die Ladung aus Werkzeug und metallischen Kurzwaren, der Rest sind elektronische Endgeräte (Spielzeuge von Klaus) und liegengelassene Lesebrillen. Obwohl man es auf der „Seppi“ aushalten kann, spielt sich das Leben auch ausserhalb ab, mit Vorzug im visuellen Erfassungsbereich zum Schiff, denn es ist einfach zu liebkind. Schnorcheln ist beliebt, die Sicht bestens und es schmeichelt der Silhouette. Alleine ist man dabei selten und falls nicht mit Sperberaugen ausgestattet, weist Klaus der Entdecker, löblich, stets mit erhöhter Betonung auf dem primären Vokal und dann mit abfallender Frequenz, auf sensationelle Begleitung hin. Man-ta, Schild-chrott, Ro-chä, Schlang-ä – klingt so, wie ein Satteldach aussieht. Inmitten der Fauna ertappe ich zwei Riesenschildkröten die Idylle desavouieren, mit Plastikgabeln recht vergnügt Reste aus rostenden Thunfischdosen schnabulieren – hab ich Klaus nicht gesteckt. Auch in der karibischen See kühlt der Körper aus, dann geht’s zurück auf’s Schiff. Duschen. Aber mit Bedacht. Zum Leid Aller die glauben, heimlich auf Teufel komm raus vom 400 Liter-Tank laben zu können. Die Pumpe läuft unbestechlich und gut hörbar mit. So kommt es zum quantenphysikalischen Phänomen, dass bevor ein Tropfen die Haut benetzt, Elgard bereits akustisch Präsenz markiert: Oli, Wasser! Damit kein falsches Bild bei jenen entsteht, welche noch nicht in den Genuss ihrer Bekanntschaft gekommen sind. Elgard und Klaus sind aufmerksame, sehr generöse und tolerante Gastgeber. Aber auf Schiff heisst die Devise Haushalten. Mindestens vier Gründe existieren für den Landgang: Einkaufen, Trinken, Essen, Waschen / Administratives. Ersteres ist eine Notwendigkeit, ohne das Zweite läuft beim Langnasenaffen rein gar nichts, das Vorletzte ist ein Genuss (so die Empfindung meiner Geschmacksknospen), der Rest sind Pflichten. Die karibische Kulinarik ist – passendes Budget vorausgesetzt – vielfältig, üppig, ausnahmslos gut, ja teils exquisit. Auch lokale Burger sind empfehlenswert und eine Wucht: Die Schokolade-Rum-Orange-Torte. Nichts für Kalorienzähler und gute Futterverwerter, die eine Cosmopolitan-Figur anstreben. Aber äusserst befriedigend. Hey, bin ich zum Kuchenfressen hier? Wäre erstrebenswert. Auch Strassenfood mundet. Überhaupt, die Küche stimmt, denn ausser den wenigen notorischen Marihuana-Raucher sind die Bewohner vollständig damit aufgefüllt. Hingegen; viele Lebensmittel sind wahnsinnig teuer, da importiert (rechne für einen Liter Fruchtsaft mit zwischen sechs und acht US$ – mit warmen Grüssen aus Vevey). Am Ende: Der Kern einer Sache wird häufig von dessen Rand aus beleuchtet. Perspektivische Verzerrungen reduziert der reife Betrachter je nach Weisheit und Gusto. Ist Klaus ein talentierter Musiker? Behält Elgard Recht auch im Segelwesen? Man muss es erleben und sich einen salvatorischen Reim bilden. Was bleibt von der Stippvisite? Schwierig, darum unvollständig: Die Schokoladen-Orange-Rum-Torte, das menschenfreundliche Klima und die Gelassenheit der Kariben, die sanfte Schroffheit der kleinen Antillen, der natürlich-schäbige Chic von Grenada und St. Vincent, das Steuern oder das schlichte Stehen im Wind und in der Gischt, die herzliche und geduldige Gesellschaft von Elgard und Klaus. Und ein gelüftetes Geheimnis, nämlich jenes der Beziehung der beiden zu ihrem Schiff. Es ist Liebe.

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